"Kleeblatt Ost"

Lage spitzt sich zu: Jena fliegt Intensivpatienten aus

Der Hubschrauber Christoph Thüringen ist an der Zentralklinik Bad Berka stationiert. Als einziger Intensiv-Transporthubschrauber Thüringens fliegt er nicht nur zu Notfällen aus, sondern transportiert auch schwer erkrankte Covid-Patienten aus Thüringen in andere Bundesländer.
Der Hubschrauber Christoph Thüringen ist an der Zentralklinik Bad Berka stationiert. Als einziger Intensiv-Transporthubschrauber Thüringens fliegt er nicht nur zu Notfällen aus, sondern transportiert auch schwer erkrankte Covid-Patienten aus Thüringen in andere Bundesländer.
Foto: Philipp Neumann/DRF Luftrettung
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Die Thüringer Krankenhäuser haben ihre Belastungsgrenze erreicht. Uniklinikum Jena und Feuerwehr koordinieren die Verlegung von Patienten aus Thüringen in andere Bundesländer.

Jena. Die Stadt Jena geht bei der Bekämpfung der Pandemie weiter voran. In einer Pressekonferenz am Donnerstag berichteten der Leiter der Jenaer Feuerwehr Peter Schörnig und der Teamleiter der Zentralen Leitstelle Marko Glätzer von der Arbeit der Feuerwehr und des Uniklinikums bei der Verlegung von Covid-Intensivpatienten in andere Bundesländer. 

Sicherheitsdezernent Benjamin Koppe, Mitglied des Krisenstabs der Stadt Jena, bekräftigte zudem die Forderung der Stadt nach der Ausrufung des Katastrophenfalls (wir berichteten).

Kleeblatt Ost stößt an seine Grenzen

Schörnig, Leiter der Berufsfeuerwehr Jena, beschrieb die Verlegung von Intensivpatienten in andere Bundesländer nach dem Kleeblatt-System. Dieses sei Ende letzten Jahres geschaffen worden, für den Fall, dass einzelne Regionen in Deutschland an ihre Belastungsgrenze stießen. 

Dafür wurde Deutschland in fünf sogenannte "Kleeblätter" aufgeteilt. Der Freistaat Thüringen zählt zusammen mit Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin zum "Kleeblatt Ost".

Das System sieht vor, dass Patientenverlegungen, wenn möglich, zuerst innerhalb der einzelnen Kleeblätter geschehen. Erst wenn alle Ressourcen innerhalb eines Kleeblattes ausgeschöpft seien, werde in andere Regionen des Landes verlegt. Für die Koordination dessen gibt es in jedem Bundesland eine zentrale Leitstelle, einen "Single Point of Contact" (SPoC).


Im Freistaat liegt dieser bei Professor Michael Brauer, Leiter und Chefarzt des Uniklinikums Jena. Er begleite die Patientenverlegungen aus medizinischer Sicht, sagte Dezernent Koppe. Die Jenaer Feuerwehr dagegen sei, in enger Zusammenarbeit mit dem SPoC am Uniklinikum, für den Transport zuständig.

In Jena kommen so alle Anfragen aus dem ganzen Bundesland zusammen und werden zunächst gebündelt. Gleichzeitig werden Transportmittel organisiert und aufnahmefähige Krankenhäuser, vor allem im "Kleeblatt Nord" ermittelt, da die Bundesländer im "Kleeblatt Ost" die Belastungsgrenze  bereits überschritten haben. So wurden in der letzten Woche neun Intensivpatienten nach Niedersachsen ausgeflogen. 

Drei Hubschrauber, fünf "rollende Intensivstationen"

Für den Transport stehen der Feuerwehr dabei zwei Rettungshubschrauber sofort zur Verfügung, ein weiterer auf Abruf. Doch nicht immer ist die Verlegung per Hubschrauber möglich. So kann zum Beispiel eine wetterbedingte schlechte Sicht einen Strich durch die Rechnung machen. 

Daher befindet sich die Leitstelle auch in enger Kooperation mit dem Intensivverlegungsdienst Mitteldeutschland. Fünf Intensiv-Transportwagen, sozusagen "rollende Intensivstationen", stelle dieser zur Verfügung.


Doch auch die Verlegung per Bundewehr-Spezialflugzeug vom Flughafen in Erfurt, wie bereits andernorts geschehen, sei eine Möglichkeit. Entscheidend für die Wahl des Transportmittels seien letztendlich jedoch die Verfügbarkeit und die Schnelligkeit, sagte Leitstellenleiter Glätzer. 

"Kurz davor zu triagieren"

Dezernent Koppe bekräftigte zudem noch einmal die Forderung der Stadt Jena an die Thüringer Landesregierung, den Katastrophenfall auszurufen. "Es ist damit zu rechnen, dass wir in eine Situation kommen, wo wir auch auf Transportkapazitäten zurückgreifen müssen, auf die wir noch gar nicht zurückgreifen können. 


Für den Fall muss der Freistaat gerüstet sein und deswegen ist der Ruf nach dem Katastrophenfall, der in Bayern bereits ausgerufen wurde, noch nicht verhallt. Im Gegenteil, ich gehe davon aus, dass wir in kurzer Zeit genau in diese Situation kommen und um rechtzeitig darauf eingestellt zu sein, wäre es die richtige Maßnahme, diesen Katastrophenfall auch auszurufen."

Er appellierte an alle Bürger, sich an die Infektionsschutzregeln zu halten. Die Gefahr, sich und andere anzustecken, sei derzeit einfach enorm. Neben den heute gemeldeten 164 Neuinfektionen (wir berichteten) gebe es etwa 160 weitere, noch nicht bearbeitete Fälle. Trotz Hilfe der Bundeswehr an Gesundheitsamt und Uniklinikum sei Jenas Gesundheitsbehörde massiv überlastet. Das Uniklinikum stehe schon jetzt "kurz davor zu triagieren".


Die Befürchtung, eine solche Situation erstmals in seiner 30-jährigen Karriere zu erleben, hatte UKJ-Chef Bauer bereits vor zwei Wochen in einem ZDF-Interview geäußert. Schon jetzt müssten Krebspatienten auf dringende Operationen warten, weil man immer mehr Intensivbetten für Covid-Patienten freimachen müsse, sagte Koppe.

Feuerwehrchef Schörnig forderte eindringlich, die Gefahren des Virus ernst zu nehmen: "Das Corona-Virus gibt es wirklich und es ist sehr gefährlich. Eine Infektion kann für jeden damit enden, dass er einen Schlauch im Hals hat, Verwandte nie wieder sieht, sie ihn auch nicht besuchen dürfen, oder dass er in ein 500 Kilometer entferntes Krankenhaus transportiert wird, wenn das überhaupt noch möglich ist."

Text: Alexander Nehls

© Jenaer Nachrichten

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