Essen, Wärme und Gemeinschaft
„Ein Tisch für alle“: Jena feierte Heiligabend gegen die Einsamkeit
Teilen auf
Heiligabend in Jena: Ein Weihnachtsfest im Rathaus schenkte über 100 Menschen Wärme, Gemeinschaft und einen Platz am Tisch.
Jena. Für viele ist Heiligabend ein Fest der Nähe. Für andere ist es der einsamste Abend des Jahres.
Wenn die Stadt zur Ruhe kommt und hinter den Fenstern Lichter erstrahlen, wird das Schweigen in manchen Wohnungen fast unerträglich.
Genau für diese Menschen öffnete sich am 24. Dezember das Historische Rathaus – und wurde für drei Stunden zu einem Zufluchtsort.
Schon beim Ankommen wurden die Gäste musikalisch begrüßt – von Ehrenamtlichen, die „Stern über Bethlehem“ anstimmten. Foto: Ben Baumgarten/JENPICTURES
Unter dem Motto „Ein Tisch für alle“ lud das Lutherhaus jene ein, die an diesem Abend niemanden haben oder niemanden finden. Über 100 Menschen folgten der Einladung.
Manche kamen zögerlich, manche mit gesenktem Blick, manche mit der Hoffnung, dass jemand ihren Namen sagt. Andere kamen, weil sie wussten, wie sich Einsamkeit anfühlt – und sie niemanden allein lassen wollten.
In der warmen Rathausdiele saßen Obdachlose neben Geflüchteten, Einsame neben Familien, Menschen mit schweren Geschichten neben solchen, die einfach Gesellschaft suchten.
Herkunft, Glaube, Lebenslage – all das verlor an Bedeutung, als die ersten Teller klapperten und Gespräche begannen.
Die Idee dazu brachte die 28‑jährige Hebamme Friederike Hannig vor zwei Jahren von ihrer Heimat Gießen nach Jena. 
Friederike Hannig und Richard Roth vom Organisatoren-Team der Aktion „Ein Tisch für alle“ begrüßten mit warmen Worten die Gäste am Heiligabend. Foto: Ben Baumgarten/JENPICTURES
Sie weiß, wie schmerzhaft stille Weihnachten sein können. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter und dem Verlust ihres Stiefvaters erlebte sie selbst, wie ein offenes Weihnachtsfest Trost spenden kann.
Diese Erfahrung wollte sie weitergeben – und schenkte Jena gemeinsam mit dem Lutherhaus und vielen Helfenden einen Abend, der Herzen erreichte und weit mehr war als eine Mahlzeit.
Unterstützt wurde das Fest von zahlreichen Jenaer Gaststätten: Die Vorspeisen brachten die „Grüne Tanne“ und der „Schwarze Bär“, die Hauptspeisen die „Distelschänke“ sowie die Gasthäuser „Roter Hirsch“ und „Zur Noll“, die Desserts „Fritz Mitte“.
Gemeinsam stellten sie ein Buffet auf die Beine, das so bunt war wie die Menschen, die sich darum versammelten.
Helfende servierten Essen, spielten Musik, schenkten Tee nach – und vor allem Zeit. Zeit zum Reden, zum Zuhören, zum Dasein.
Gegen 21 Uhr klang der Abend langsam aus. Während Helferinnen und Helfer Stühle rückten und Tische abräumten, saßen die letzten Gäste noch beisammen und spielten Brettspiele. Es wurde gelacht, geflucht, gewürfelt – und niemand wollte so recht gehen.
Am Ende dieses Heiligabends stand kein Sieger des Spiels im Mittelpunkt. Gewonnen hatte die Nächstenliebe.
Text: Jana Baumgarten
