Hebammenstudie

Uniklinikum Jena: Besser gebären ohne Bett?

Die leitende Hebamme Gabriele Fischer, Studienleiterin Dr. Gertrud Ayerle, Auditorin Martina Schlüter-Cruse, die Hebammen Elisa Helling und Josefine Wilfert-Knoll sowie Ärztin Maryam Ettrich und „Be-up“-Studienkoordinatorin Sabine Striebich im neu ausgestatteten Kreißsaal.
Die leitende Hebamme Gabriele Fischer, Studienleiterin Dr. Gertrud Ayerle, Auditorin Martina Schlüter-Cruse, die Hebammen Elisa Helling und Josefine Wilfert-Knoll sowie Ärztin Maryam Ettrich und „Be-up“-Studienkoordinatorin Sabine Striebich im neu ausgestatteten Kreißsaal.
Foto: Anke Schleenvoigt/UKJ
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Besser gebären ohne Bett im Kreißsaal? Eine Hebammenstudie am Uniklinikum Jena untersucht den Einfluss der Umgebung auf Geburtsmodus.

Jena. Ein Sitzsack, hellgrüne Schaumstoffelemente und Matten, die sich beliebig kombinieren lassen, eine Sitzecke, die mit Snacks einlädt – einer der vier Kreißsäle am Universitätsklinikum Jena (UKJ) ist grundlegend umgestaltet worden. Ein Bett ist hier nicht mehr zu finden.

Hebammenstudie „Be up“

Grund für die Veränderung ist die Hebammenstudie „Be up“, die von Dr. Gertrud Ayerle vom Universitätsklinikum Halle geleitet wird. Als eine von zwölf Kliniken mit geburtshilflichen Abteilungen in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen, Berlin und Nordrhein-Westfalen nimmt das UKJ daran teil. Die ersten Frauen haben bereits in der neuen Umgebung entbunden.

Selbstbestimmt und aktiv handeln

Wie sich Raumgestaltung und Möbel auf die Art der Geburt und das Wohlbefinden der Frauen auswirken – dazu gäbe es bisher keine Studien, so Dr. Ayerle. Ihre These: Frauen, die selbstbestimmt und aktiv handeln können, erleben weniger Komplikationen während der Geburt.

Zur neuen Ausstattung gehören daher unter anderem auch eine dimmbare Stehlampe und ein Bildschirm, der mit Musik untermalte Naturaufnahmen zeigt. Je nach Geschmack kann dieser aber auch für eigene Bild- und Tonwünsche genutzt werden.

Zu mehr Bewegung animieren

Zur häuslichen Atmosphäre kommt hinzu, dass die neue Möblierung Frauen dazu animieren soll, sich viel zu bewegen.

„Die wissenschaftliche Literatur deutet daraufhin, dass Bewegung sowie die aufrechte Körperhaltung sich positiv auf die Geburt auswirken. Einerseits, weil sozusagen die Schwerkraft unterstützend wirkt und das Kind entsprechend positioniert, und andererseits, weil diese Körperhaltung beispielsweise eine bessere Durchblutung der Gebärmutter fördert“, so Dr. Ayerle.



Teilnehmen können Frauen, deren Kind zwischen der 37. und der 41. Schwangerschaftswoche geboren wird, bei denen eine Spontangeburt möglich ist und sich das Kind in Schädellage befindet. Zwillingsschwangerschaften sind ausgenommen.

4.000 Frauen werden beobachtet

Über einen Zeitraum von zwei Jahren werden insgesamt 4.000 Frauen beobachtet, von denen die Hälfte in einem umgestalteten und die andere Hälfte in einem herkömmlichen Kreißsaal entbindet. Bei der Aufnahmesprechstunde erfahren die Schwangeren von der Studie und können entscheiden, ob sie teilnehmen möchten.

Während der Zeit im Kreißsaal dokumentiert die betreuende Hebamme, welche Angebote die Frau nutzt, welche Positionen sie bevorzugt und wie die Geburt verläuft. Die jungen Mütter werden im Wochenbett und nochmals drei Monate nach der Geburt befragt, wie sie die Geburt ihres Kindes empfunden haben.

Aktive Frauen im Jenaer Kreißsaal

Gabriele Fischer, leitende Hebamme am UKJ, ist gespannt auf die Ergebnisse der ersten Hebammenstudie, an der das UKJ teilnimmt – auch wenn sie speziell für das Jenaer Klinikum keine großen Unterschiede erwartet: „Bei uns sind die Frauen bereits jetzt sehr aktiv im Kreißsaal und viele Geburtspositionen sind hier möglich.“ Für viele Kliniken ist die neue Gestaltung jedoch ein innovativer Ansatz, so Dr. Ayerle.

„Bei Einlingsschwangerschaften und Geburten zum Termin liegt die Kaiserschnittrate in Deutschland zurzeit bei 18 bis 20 Prozent“, so Dr. Ayerle. Sie erwartet, dass diese Rate bei den Geburten in den neu ausgestatteten Kreißsälen sinkt.

Kostensenkung bei positiven Ergebnis

Sollte sich dies bestätigen, so die Wissenschaftlerin, sei das Ziel, das klassische Patientenbett auf deutschen Entbindungsstationen flächendeckend gegen eine alternative Kreißsaalausstattung auszutauschen: „Im Vergleich zu den Kosten für medizinische Geräte, die bei Komplikationen zum Einsatz kommen müssten, ist diese neue Ausstattung der Kreißsäle mit sehr geringen Kosten verbunden.“ 

Text: Anke Schleenvoigt/UKJ

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