Proteste angekündigt

Jenaer Gastwirte: „Wir haben die Schnauze voll“

Seit Wochen das gleiche Bild: Alles dicht in der Jenaer Kneipen-Meile.
Seit Wochen das gleiche Bild: Alles dicht in der Jenaer Kneipen-Meile. Foto: Johannes Pfuch

Schluss mit lustig: Die finanziell stark existenzbedrohte Jenaer Gastronomie fordert eine klare Öffnungsstrategie von den Regierenden und kündigt deswegen Proteste an.

Jena. Schock für die gesamte Gastronomie-Branche im März 2020: Die Betriebe müssen schließen. Bis in den Mai hielt dieser Lockdown an. Danach überwog die Hoffnung, es wurde kräftig in die Außenbereiche investiert, Schutzkonzepte erstellt, die sich im Sommer bewährten.

Dann der Nackenschlag im Herbst: Wieder wird alles dicht gemacht.

In fünf der letzten zehn Monate generierte die Gastronomie so gut wie keinen Umsatz. Öffnungen stehen derzeit in den Sternen. Vielmehr wurden die Maßnahmen durch die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz am letzten Dienstag noch verschärft.

Auch für die Gastronomie in Jena keine guten Vorzeichen. Mittlerweile mehren sich die Befürchtungen, dass die Branche noch über Monate lahmgelegt werden könnte.

Novemberhilfen lassen auf sich warten – viele Betriebe vor dem Kollaps

Rudolf Kornhuber von der Aktion „Leere Stühle Jena“. Foto: Johannes PfuchRudolf Kornhuber von der Aktion „Leere Stühle Jena“. Foto: Johannes Pfuch

„Wir haben die Schnauze voll. Wir können es uns nicht leisten, ab Februar noch weitere zwei, drei Monate im Lockdown zu sein. Bis März können wir noch alles bezahlen, dann sind wir pleite“, erzählt Rudolf Kornhuber von der Rossini-Bar in Jena und Sprecher der Aktion „Leere Stühle Jena“. Zumal als Cocktail-Bar auch kein Außer-Haus-Verkauf möglich ist, was häufig übersehen wird.

Von den Novemberhilfen seien bei ihm bisher, zwei Monate später, 18 Prozent ausgezahlt, andere hätten noch gar kein Geld erhalten, die Dezemberhilfen seien gar erst seit dem 4. Januar beantragbar.

Zudem würden von den Hilfen die Pauschalunterstützungen des ersten Lockdowns im März sowie die Gebühren der Steuerberater abgezogen, wodurch schließlich nicht mehr viel übrigbliebe. Bisweilen müsse sogar schon die Altersvorsorge angezapft werden.

Stau in der Innenstadt soll Aussprache erzwingen

Aus diesem Grund organisiert die Aktion „Leere Stühle Jena“ am 19. Januar einen Autokorso durch die Stadt, der der Auftakt zu einer Reihe ähnlicher Aktionen bilden soll.

Vom Stadion aus geht es auf zwei Routen in Richtung Eichplatz. Ziel sei es, einen Stau in der Innenstadt zu bilden, um so eine Aussprache mit den Obrigkeiten von Angesicht zu Angesicht zu erzwingen, bei der konkrete Aussagen getroffen werden.

Da man im selben Boot sitze, sollen bei der Protestfahrt durch die Stadt auch Einzelhändler, Solo-Selbstständige und Bürger beteiligen. Je mehr sich beteiligen, desto deutlicher könne man ein Zeichen setzen. Deshalb hat die Aktion auf ihrer Facebook-Seite alle relevanten Informationen zusammengefasst.

Öffnungsstrategie für Gastronomie gefordert

Die Forderungen für die Aussprache sind klar formuliert: Die November- und Dezemberhilfen sollen endlich ausgezahlt werden, die Insolvenzmeldepflicht soll zum Schutz der Branche bis Mai ausgeweitet werden, die Störung der Geschäftsgrundlage soll vom Land Thüringen ausgerufen werden, um Mietkosten zu sparen, und eine Nachverfolgungs-App für die Gesundheitsämter verbindlich eingeführt werden.

Die wichtigste Forderung ist jedoch die Klärung, wann und wie die Gastronomie wieder aufmachen könne. „Es muss eine Öffnungsstrategie geben“, sagt Kornhuber. „Es ist unverständlich, wie ein Supermarkt mit 50, 60 Leuten offen haben kann, aber kein Friseur mit zwei Personen“. Man fordere diesbezüglich Gleichbehandlung.

Angepeilt sei bis Mitte Februar ein verbindliches Öffnungskonzept zu erstellen. Unter anderem sei schon seit September eine von der Gastronomie eigens entwickelte Nachverfolgungs-App in direkter Kooperation mit dem Gesundheitsamt im Einsatz.

Auch darauffolgende Corona-bedingte Schließungen hält Kornhuber für vertretbar: „Wir können es eher verkraften, den Laden bei Corona-Fällen Tage zu schließen und in Quarantäne zu gehen, als ständig zu zuhaben“.

Gesprächsbereitschaft im öffentlichen Interesse

An den Schließungen hängen Existenzen, so Kornhuber. Nicht nur Betriebe, sondern auch etliche Menschen, denen die Geselligkeit fehlt. Daher sei es umso wichtiger, mit dem Gastro-Gewerbe ins Gespräch zu kommen.

„Andernfalls besteht auch die große Gefahr, dass sich Menschen und Gastro zunehmend radikalisieren, wenn sie merken, dass unsere Gesprächsangebote an Kommunen und Land zu nichts führen“, befürchtet Kornhuber.

Mehr Informationen zum Protest unter: https://www.facebook.com/save.gastronomie

Text: Johannes Pfuch

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Ingo G. Dix
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